"Wir stehen vor einer weiteren Finanzkrise", ist Prof. Dr.
Rudolf Hickel (Universität Bremen) überzeugt. Der Unterschied zu den
Turbulenzen vor drei Jahren: Der Wissenschaftler beklagt ein Versagen
der Politik. Bei seinem Vortrag an der VHS Osnabrück plädierte er dafür,
dass das Währungsprojekt Euro perfektioniert wird: "Wenn das nicht
klappt, dann muss es abgebrochen werden." #In seiner Begrüßung verwies
VHS-Direktor Dr. Carl-Heinrich Bösling auf die aktuelle Entwicklung: Dax
auf dem Tiefstand, Schuldenkrise und Verfassungsklage gegen den
Rettungsschirm.
"Lohnt es sich, den Euro zu retten?", lautete die passende
Überschrift des Vortrags. Die Frage beantwortete Hickel unumwunden mit
einem "Ja". Die Währung zeichne sich durch stabilen Binnenwert und
attraktiven Außerwert aus. Darüber hinaus sei sie eine Anlagewährung für
andere Länder. Und: Deutschland habe durch den Güterexport massiv
profitiert.#Dennoch steht das Projekt nach Ansicht von Hickel auf der
Kippe. Dabei blickte der Referent auf die Einführung des Euro zurück.
Der damalige Kanzler Helmut Kohl und sein Finanzminister Theo Waigel
hätten Fehler mit zu verantworten, da eine wirtschafts- und
finanzpolitische Koordination der beteiligten Staaten keine Rolle
gespielt habe. Darüber hinaus habe ein Land wie Italien
Konvergenzkriterien wie die Staatsschuldquote deutlich verfehlt: "Der
politische Opportunismus hat von vornherein eine Rolle gespielt",
kritisierte Hickel.#Was also tun? Der Wissenschaftler plädierte für eine
"Überwindung der Konstruktionsfehler statt kurzfristiger
Krisentherapie".
Hickel unterstützte in seinem Beitrag den europäischen
Rettungsfonds, die geplanten Eurobonds sowie einen Schuldenschnitt für
Griechenland. Dort sei eine "Schrumpfpolitik" der falsche Schritt, weil
die Wirtschaft weiter geschwächt würde. Weitere Schritte seien die
Harmonisierung der EU-Unternehmensbesteuerung sowie der Ausbau der
Europäischen Union zur Wirtschafts-, Sozial und Umweltunion.#Und
schließlich: Der "streitbare Wirtschaftswissenschaftler" (Bösling)
sprach sich für die Regulierung der Finanzmärkte aus. "Alles was wir
hätten lernen sollen aus der Finanzmarktkrise war ganz schnell
vergessen", bezog sich Hickel auf den Absturz von vor drei Jahren.
Dabei kann der Wissenschaftler plötzlich auf unerwartete
Unterstützung hoffen. Hickel verwies auf eine Rede vom Deutsche
Bank-Chef Josef Ackermann, der sich angesichts der Turbulenzen dafür
aussprach, das originäre Bankgeschäft vom Investment-Banking
abzutrennen: "Der Läuterungsprozess kommt spät, vielleicht hätte er mal
an Veranstaltungen der Volkshochschule teilnehmen sollen", kommentierte
der Referent süffisant.