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IntegrationslotsInnen 

"Ein Teppich mit vielfältigen Mustern"

Ein Bericht von Christina Müller-Wille

„Wolle wird nur deshalb zu einem Teppich, weil das entsprechende Wissen vorhanden ist“ (eine alte Weisheit, gefunden in den Texten des Sufimeisters Rumi aus dem 13. Jahrhundert). Unter dieses Motto stellte die Arbeiterwohlfahrt ihren Beitrag zum Auftakt des Pilotprojektes „IntegrationslotInnen“ auf dem Fachtag im Mai 2005. Hier stellten die AWO und der Verein Patria Teile eines breiten Netzwerkes von engagierten Freiwilligen und Hauptamtlichen in der Stadt Osnabrück vor, die für die Integration arbeiten.
Im Bereich Integration und Migration gibt es ein großes Potential an freiwilligem Engagement. Einzelpersonen sind hoch motiviert, Landsleute, die später eingereist sind, zu unterstützen. Einige engagieren sich als Einzelperson für Einzelpersonen, schätzen den individuellen, flexiblen Einsatz. Manche verpflichten sich über einen längeren Zeitraum, brauchen für ihr Engagement einen strukturierten Rahmen mit festen Zeiten und Orten. Andere wiederum gründen Vereine und führen eigene Projekte durch. Und es gibt solche, die sich im Rahmen der Nachbarschaft einsetzen und die Aufgabe der Integration als Familienerweiterung ansehen.
Immer geht es dabei um freiwillige Stärken. Die deutsche Sprache ist eine bildhafte und auch sehr verbindende Sprache, in der man immer auf das letzte Wort achten sollte. So kann ich die freiwilligen Stärken in zwei Bedeutungen lesen: die Stärken von Freiwilligen und/oder die Stärken, die Freiwillige stark machen.
Dieses Engagement braucht allerdings zuweilen ein Ventil, die Unterstützung und die Entlastung durch Fachkräfte und es braucht Qualifizierung. All das erfordert Kontakt, Kommunikation, Kontinuität und Kooperation.
Die Stadt Osnabrück hat unter Leitung des Referats „Bildungs- und Sozialplanung, Integration“ und unter Beteiligung des Integrationsauschusses, des Jugendmigrationsdienstes der Caritas und der Migrationserstberatung der Arbeiterwohlfahrt eine Projektskizze „IntegrationslotsInnen“ entwickelt. Um den Integrationsprozess wirksam zu steuern, müssen IntegrationslotsInnen gezielt geschult werden. Kernstück ist hier die Basisqualifikation, die den praktischen Einsatz in relevanten Einrichtungen unterstützt bzw. einleitet.
Seit Oktober 2005 wurden an der Volkshochschule zwei Basislehrgänge durchgeführt. Das Konzept des Lehrgangs verbindet selbst organisiertes Lernen mit Informationsvermittlung. Ein Wechsel zwischen Kursabenden und Tagesseminaren fördert diesen Prozess.
Die Kursabende werden von der Lehrgangsleitung begleitet und von ReferentInnen aus unterschiedlichen Fachbereichen wie Wissenschaft, Ausländerbehörde, Erwachsenenbildung, Migrationssozialarbeit und Freiwilligenagentur gestaltet. An den Kursabenden geht es um Theorie, Information, Diskussion, Fragen und Kontakt zu verschiedenen Diensten und ihrer spezifischen kulturellen Ausprägung.
Die Tagesseminare dienen der Reflexion, der dynamischen Gruppenbildung und dem Vernetzungsprozess. Sie bieten Raum für Emotionen und den Praxisbezug. Verschiedene Themen werden mit Methoden aus der Qualitätszirkelarbeit bearbeitet. Durch Übungen zur Wahrnehmung und Visualisierung werden alle TeilnehmerInnen aktiv beteiligt. Die Arbeiten sind ergebnisoffen.
Im Basislehrgang geht es nicht so sehr um Faktenwissen, sondern um die Schulung von sozialen und kommunikativen Kompetenzen für interkulturelles Handeln als Integrationslotse. Angestrebt wird hier die wechselseitige Integration, die durch kulturelle Übersetzungsarbeit (nicht im wörtlichen, sondern im deutend wahrnehmenden Sinn) ein Ankommen ermöglichen soll.
Die Begleitung von NeuzuwanderInnen erfordert Kenntnisse über Integrationsabläufe und –verläufe und die Fähigkeit, Wege der Informationsbeschaffung und Wahlmöglichkeiten zu vermitteln und Entscheidungskompetenzen zu entwickeln bzw. zu fördern.
Neben der inhaltlichen Qualifizierung ist ein übergeordnetes Ziel, einen Gruppenprozess zwischen verschiedenen Migrantengruppen und Einheimischen zu initiieren und ein Netzwerk von IntegrationslotsInnen zu bilden. Darum hat der Lehrgang eine Laufzeit über zwei Monate und wechselt zwischen kurzen und langen Einheiten.
Im Verlauf der Qualifizierung werden folgende Ziele angestrebt:

  • Erfahrungen und Kenntnisse familiärer und informeller Netzwerke nutzbar machen
  • Kenntnisse über Integrationsabläufe und –verläufe sichtbar machen
  • Wege der Informationsbeschaffung und Wahlmöglichkeiten vermitteln
  • Entscheidungskompetenzen entwickeln und fördern
  • zwischen Menschengruppen Verbindungen ausforschen und darüber ins Gespräch kommen.

Inhaltlich werden Themen behandelt wie:
Biografische Erfahrungen; kulturelle Dimensionen von Ehrenamt; Wege, Brücken und Bremsen der Integration; Eingliederungs- und Integrationsmodelle; Gesetze und gesellschaftliche Förderung; Kommunikationsmodelle und –stile; Vorurteilsbewusstsein; Zuwanderungsformen; Selbstreflexion; interkulturelle Kompetenz; Anforderungen und Aufgaben; Aushandlungsprozesse.
Die TeilnehmerInnen beginnen mit ihren persönlichen Erfahrungen, werden dann über die Distanz theoretischer Modelle und gesetzlicher Rahmenbedingungen in einen Aushandlungsprozess geführt, um danach zur Konkretisierung ihrer möglichen Aufgaben und Ziele zu kommen.
Die roten Fäden im Basislehrgang sind, die Erfahrungen im Integrationsprozess zu

  • erinnern, erkennen, begreifen, reflektieren
  •  benennen, darstellen, sichtbar machen
  •  als vorhandenes Wissen formulieren und gesellschaftlich anerkennen
  •  als Anforderungen und Aufgaben beschreiben, lehren und lernen, weiterentwickeln.

Die Bedeutung ehrenamtlichen Engagements zu begreifen ist ein Hauptziel des Lehrgangs. Hier liegt in der gesamten Durchführung der Fokus immer wieder auf dem Wesen des freiwilligen Engagements/Ehrenamtes, nämlich selbst zu bestimmen, was man wann, wo, wie und wie lange tun möchte. Auch wenn TeilnehmerInnen den Lehrgang und die ehrenamtliche Tätigkeit als eine Möglichkeit zum beruflichen Fortkommen bzw. als Sprungbrett für einen Job sehen, müssen die Ziele dieses Lehrgangs kontinuierlich klar formuliert werden.
Die TeilnehmerInnen kommen aus allen Teilen unserer Gesellschaft und bringen unterschiedliche Motivationen für das Aufgabenfeld der Integration mit. Die Zusammensetzung eines Lehrgangs ist deshalb sehr heterogen, in Bezug auf die Alterszusammensetzung, die Herkunftskulturen, die Migrationserfahrungen und die Erfahrungen und Perspektiven des ehrenamtlichen Engagements.
Es sind Menschen mit unterschiedlichen Biografien und Lebenssituationen, die einfach nur helfen und sich um ihre Landsleute kümmern wollen. Ihr Engagement ist zuweilen allumfassend, unbegrenzt und teilweise diffus. Andere wollen ihre Zeit und auch ihr Fachwissen zur Verfügung stellen. Es sind Menschen aus unterschiedlichen Berufsfeldern, die strukturiert und thematisch arbeiten und klare Aufgaben formulieren wollen.
Dieses breite Spektrum erfordert Methodenvielfalt und Flexibilität bei der Durchführung des Lehrgangs und ist sowohl für die TeilnehmerInnen als auch für die DozentInnen eine Bereicherung. In jedem Lehrgang gibt es neue Ideen und es eröffnen sich neue Felder.
Der praktische Einsatz wird im Einzelfall von Fachkräften in den Einsatzstellen angeleitet. Nicht alle IntegrationslotsInnen sind ständig im Einsatz. Im Netzwerk finden Erfahrungsaustausch, fachliche Diskussionen und Supervision statt. Das Netzwerk trifft sich monatlich.
Um bei dem Bild des Teppichs zu bleiben: Integration kann heißen, dass wir gemeinsam einen Teppich unter den Füssen haben sollten, zwar mit vielfältigen Mustern, aber ein zusammenhängendes Stück. Und die Wolle, die zu einem Teppich wird, lässt sich flechten, häkeln, knüpfen, stricken, weben ...


Christina Müller-Wille, Leiterin der AWO-MigrationsErstberatung und systemische Familientherapeutin, hat das Curriculum zur Basisqualifizierung von IntegrationslotsInnen entwickelt und zwei Lehrgänge als Teamerin begleitet.

 
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