Im November 2005 fand die jährliche bundesweite Tagung zur Alphabetisierung statt, diesmal in Frankfurt. Es war eine Premiere, dass auch KursteilnehmerInnen dazu eingeladen waren – kostenlos und möglich gemacht durch die Förderung des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Die Volkshochschule Osnabrück hat sich mit sechs TeilnehmerInnen und drei Kursleiterinnen an der Tagung beteiligt und einen Workshop zur Arbeit an einer Teilnehmerzeitung angeboten. Die folgenden Beiträge stammen von Doris und Ute, zwei Kursteilnehmerinnen, die in Frankfurt dabei waren.
Mein Bildungstrip nach Frankfurt
Am 3. November 2005 ging es los und es sollte bis zum 5. November gehen.
Die Freude und Neugier war groß. Ich das erste Mal in Frankfurt, mit meiner VHS-Gruppe, für drei Tage, ganz kostenlos. Wir sollten viel Neues übers Schreiben, Lesen und Lernen erfahren - einfach super, dachte ich.
Also auf zum Bahnhof und los ging es. Zum Schrecken aller landeten wir in einem Raucherabteil und waren sieben Stunden unterwegs. Habe mich da schon gefragt: Warum tue ich mir diese Strapaze bloß an? Aber wie es sich im Nachhinein herausstellte, hat es sich wirklich gelohnt!
Ich war sehr froh zu hören, dass wir nicht verpflichtet waren, an allen Workshops und Veranstaltungen teilzunehmen. Wir hatten tolles Wetter und noch genug Zeit, um Frankfurt anzusehen und auch zu relaxen.
Besonders beeindruckend war für mich die Stimmtrainerin und ihr Vortrag über die Stimme. Die Zusammenhänge zwischen Körper, Stimme und Lernfähigkeit haben mich sehr fasziniert: wie stark das Lernen vom Selbstbewusstsein, von der Körpersprache, vom positiven Denken, deutlichen Sprechen abhängig ist. Nur frage ich mich, wie herum ist es passender? Wer nicht richtig schreiben kann, hat kein starkes Selbstwertgefühl oder wer kein starkes Selbstwertgefühl hat, kann nicht richtig schreiben, lesen und sprechen... Es wird wohl beides stimmig sein.
Auch sehr beeindruckend war der Workshop Schreiben und Malen. Es hat mir viel Spaß gemacht zu erleben, dass Schreiben auch kreativ sein kann. Wir haben erst einfach nur drauflos gemalt, mit einer Hand, einem Stift, bis es zum Schluss viele Stifte und der ganze Körper waren. Danach wurde drüber gesprochen und geschrieben. Es war auch toll, dass man manchmal gar nicht wusste, wer war Lehrer und wer war Schüler. In der Schule hat mir Schreiben nie so viel Freude bereitet.
Auch die Auszeichnungen für Menschen, die sich ehrenamtlich dafür eingesetzt haben, dass Legastheniker die Möglichkeit bekommen, doch noch schreiben zu lernen, auch wenn sie schon 30, 40 oder 50 Jahre alt sind, waren beeindruckend. Sogar im Fernsehen wird auf das Problem hingewiesen. Es gibt ein Projekt mit dem Namen F.A.N., wo es um Menschen geht, die Schwierigkeiten haben mit dem Schreiben. So fühlt man sich doch nicht mehr so allein mit dem Problem.
Alles in allem ein gelungener Bildungstrip! Es hat sich sehr gelohnt, die Strapazen dafür in Kauf zu nehmen. Wenn es so etwas noch mal gibt, wäre ich gerne wieder dabei.
Doris
Eindrücke
Glücksgefühl und Freude
dass wir mitfahren durften
dass wir gut angekommen sind
dass wir saubere Zimmer hatten
dass das Essen gut schmeckte
dass wir gute Vorträge hören konnten
dass wir interessante und nette Leute kennen gelernt haben
Zufriedenheit
dass alles so gut geklappt hat
dass der Workshop so gut gelaufen ist, an dem wir mitgearbeitet haben
dass wir uns mit anderen Kursleitern unterhalten konnten
Zweifel
ob man den Aufgaben gewachsen ist
ob man alles in die Tat umsetzen kann, was man gehört hat
ob man wirklich so gut werden kann, wie man es sich vorgestellt hat
Bauchschmerzen, Bedrücktheit
über die Schwierigkeiten der Menschen zu sprechen, die unter Lese- und Rechtschreibschwächen leiden
Einsichten
dass es viele Leute gibt, die mit dem Lesen und Schreiben Probleme haben
dass es eine ganze Zeit braucht, um besser zu werden
dass es gute und weniger gute LehrerInnen gibt
dass das Lernen Spaß machen sollte
Ute