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Zeit der Pubertät 

Pubertät - Zeit der Veränderung

Ein Bericht von Monika Große-Kock

Als Erwachsene wissen wir, dass wir in unserem langen Leben immer wieder in neue Lebensphasen geraten. Bis wir uns neu eingerichtet haben, durchlaufen wir eine Zwischenzeit der Turbulenzen und Unsicherheiten. Die Pubertät ist solch eine erste einschneidende Übergangsphase. Sie bezeichnet den mehrere Jahre dauernden Weg vom Kind zum jungen Erwachsenen. Dabei stellt sie sowohl für die Kinder als auch für die Eltern eine Herausforderung dar. Beide müssen lernen, die vielfältigen Veränderungen zu begreifen und angemessen damit umzugehen.
Das Wort Pubertät ist ein Hinweis auf die wahrnehmbaren körperlichen Veränderungen auf dem Weg zur Geschlechtsreife, „pubes“, (lat.) bedeutet „Schamhaare“. Viele weiteren äußerlichen Veränderungen kommen hinzu: die Ausformung der primären Geschlechtsmerkmale, Körperumformungen durch Fettgewebe bzw. Muskelaufbau, das Längenwachstum mit den Verschiebungen der Proportionen, Stimmwechsel, Veränderung von Gesichtszügen. Die erste Monatsblutung bei den Mädchen und der erste Samenerguss bei den Jungen gilt als Zeitpunkt der Geschlechtsreife. Ein Körperfettanteil von 17% ist eine entscheidende Voraussetzung für den Beginn. Aufgrund unserer besseren Ernährung verschiebt sich dieser Zeitpunkt immer weiter nach vorne. 2010 wird er bei 10 Jahren liegen. Die Kindheit verkürzt sich damit.

Massiver körperlicher Umbau

Wir können uns vorstellen, dass dieser massive körperliche „Umbau“ zu Unsicherheiten, Selbstzweifeln, Traurigkeit oder Rebellion und zu vermehrter Selbstaufmerksamkeit führt. Die Ausschüttung der Geschlechtshormone kann diese Gefühle noch verstärken. Es braucht Zeit, sich von dem vertrauten Kindsein zu verabschieden und sich „in der neuen Haut wohl zu fühlen“.
Relativ neu sind die Hirnforschungen für diese Altersstufe. Auch das Gehirn ist während der Pubertät im Umbau begriffen. Das Großhirn erlebt vor der Pubertät einen Wachstumsschub, während der weiteren Jahre baut es neue Verschaltungen auf, lässt alte absterben. Der Umbau des frontalen Hirnlappens dauert bis über das 20. Lebensjahr hinaus. Hier ist das Zentrum für Selbstkontrolle, Gefühle, Organisations- und Planungsfähigkeit. Auch diese Tatsache kann gewisse defizitäre Verhaltensweisen bei Jugendlichen erklären.
Synchron zur leiblichen Veränderung verläuft der Umbau des sozialen Netzes. Ziel ist die schrittweise Lösung von den Eltern und die Erweiterung der eigenen Autonomie. Dabei kommt der Gruppe der Gleichaltrigen beiderlei Geschlechts besondere Bedeutung zu. Sie vermittelt ein Gefühl von Geborgenheit, Zugehörigkeit und Sicherheit. Die Ablösung von den Eltern fällt den Kindern nicht leicht. Sie tarnen es häufig mit Coolness und respektlosem Verhalten.
Zwei weitere tragende Identitätssäulen sind während der Pubertät noch nicht entwickelt, bzw. in Vorbereitung: die Säulen der Arbeit und die der finanziellen Sicherheit. Typisch für diese Zeit sind nachlassende Schulleistungen bis zum Sitzenbleiben, Schulabbruch oder Schwänzen. Offenbar bleibt bei den vielfältigen Veränderungen vorübergehend wenig Energie und Einsicht für die Bedeutung dieser Säule übrig. Die finanzielle Abhängigkeit von den Eltern steht den Autonomiebestrebungen diametral entgegen und führt entsprechend häufig zu Konflikten.
Auch die Eltern werden durch ihre pubertierenden Kinder in ein Wechselbad der Gefühle hineingestoßen. Trauer oder Wut können Ausdruck von Abschied sein: Abschied von der innigen Beziehung, gewachsen über ein Jahrzehnt, Abschied von der mehr oder weniger bedingungslosen Anerkennung der eigenen Person und damit der Wichtigkeit, Abschied von der Akzeptanz meiner eigenen Werte, Abschied von der Illusion, dass die Zeit mit den Kindern ewig währt, Abschied von Einfluss und Macht. Auch Neid, Eifersucht oder Enttäuschung können sich einstellen: Neid auf die Möglichkeiten, die meinem Kind offen stehen, Eifersucht auf Menschen, die jetzt wichtiger für mein Kind sind als ich, Enttäuschung, dass sich mein Kind entgegen meinen Vorstellungen entwickelt oder mit denselben Problemen zu kämpfen hat wie ich.

Neudefinition der Rollen

Erst wenn Eltern für sich selbst und für die Kinder genügend Verständnis aufbringen, sind sie in der Lage, ihre Rolle neu zu definieren und auszuführen. Der Blick auf die Phase der Pubertät macht deutlich, dass wir als Erwachsene stark gefordert sind. Es geht darum, diese Phase als wichtigen Entwicklungsschritt zu begreifen und trotz aller Widrigkeiten zu akzeptieren und zu bewältigen. Wir müssen über so gegensätzliche Verhaltensweisen verfügen wie festhalten und loslassen, Freiheiten geben und Grenzen setzen, Kritik zulassen und sich respektloses Verhalten verbitten.
Dabei sollten wir unser Kind im Blick behalten. Jeder Jugendliche verhält sich in der Pubertät anders. Die Vorsichtigen brauchen eher eine Ermunterung, in die Welt zu gehen. Den stark Freiheitsliebenden muss ich klare Grenzen setzen, um das Risiko zu minimieren. Auf jeden Fall ist es gut, die Ressourcen meines Kindes zu sehen und zu unterstützen. Das stärkt das Selbstwertgefühl in der Zeit der Unsicherheit. Wir sollten uns bei alledem auf unsere Intuition verlassen. Jeder weiß, wo für ihn eine Grenze überschritten ist. Und außerdem müssen wir nicht perfekt sein. Nicht zuletzt sollten wir als Eltern selbst für uns gut sorgen, die neuen Freiräume für die eigene Weiterentwicklung nutzen und es uns gut gehen lassen.
In dem Seminar „Pubertät als Krise und Chance“ (siehe Nr. 50646) haben Eltern die Möglichkeit, sich intensiv mit der Entwicklungsstufe der Pubertät zu beschäftigen. Dies geschieht zum einen durch Information, zum anderen durch die wechselnde Identifikation mit Kind und Eltern. Der Austausch mit Menschen in ähnlichen Lebenssituationen ist außerdem immer auch entlastend.
Zum Trost sei gesagt: 80% der Heranwachsenden bewältigen diese Zeit mit den ganz normalen Querelen und Kämpfen. 30% durchlaufen diese Zeit eher unspektakulär. Ihnen scheinen neue Freunde, eine neue Aufgabe oder ein intensives Hobby zu helfen. Nur 1-3% brauchen aufgrund von Depressionen professionelle Hilfe.
Veranstaltungs-Tipp:
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