Direkt zum Inhalt Direkt zur Hauptnavigation Direkt zur Sucheingabe

Rückblick: Nakba 

Grußwort zur Nakba-Ausstellung von Dr. Hans-Gert Pöttering

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

der Frieden im Nahen Osten ist weder Utopie noch idealistische Träumerei, er ist ein realistisches Ziel und eine politische Notwendigkeit.

Die letzten Monate und Jahre haben uns gezeigt, wie schwierig der Weg zum Frieden ist.

Immer wieder wird gesagt, Israel und die Palästinenser stünden sich "unversöhnlich" gegenüber, sogar "unversöhnlicher als jemals zuvor".

Aber stimmt dies denn? Trifft diese pessimistische Sichtweise denn wirklich zu?

Ich meine: nein!

Eine gerechte und dauerhafte Lösung des Nahostkonfliktes ist möglich und nötig.

David Grossmann hat gesagt: "Weder Israel noch Palästina wird eine sichere Heimat haben, wenn nicht auch der Nachbar sie hat." 

Diese Perspektive wird auch von den meisten Akteuren geteilt.

Hierzu zähle ich die überwiegende Mehrheit der israelischen und der palästinensischen Bevölkerung, ebenso wie die arabischen Nachbarn in der Region.

Beide Seiten wissen, dass sie einen politischen Preis für den Frieden bezahlen müssen und dass schmerzhafte Kompromisse notwendig sind, um den Frieden möglich zu machen.

Beide Seiten wissen aber, aus der Erfahrung der letzten Jahre und Jahrzehnte, dass sie auch für den status quo einen hohen Preis bezahlen müssen.

Eine gemeinsame Perspektive ist daher unabdingbar, um den Nahostfriedensprozess zu einem gemeinsamen Erfolg zu führen.

Eine gemeinsame Perspektive ist auch notwendig, um das Trennende zu überwinden.

Hier setzt die Ausstellung an, indem sie den Versuch unternimmt, die gemeinsame Geschichte aus palästinensischer Sicht aufzuarbeiten.

Natürlich ist die Ausstellung einseitig. Dieser Vorwurf ist ihr oft - und leider auch nicht zu Unrecht - gemacht worden.

Diese Einseitigkeit wird der Geschichte nicht gerecht.

Daher finde ich es richtig, dass hier in Osnabrück die Deutsch-Israelische Gesellschaft und die Deutsch-Palästinensische Gesellschaft gemeinsam das Ausstellungsprojekt verwirklicht haben, so dass auch die israelische Stimme gehört werden kann.

Dies ist auch eine Notwendigkeit, denn es hat der Ausstellung in der öffentlichen Diskussion und Wahrnehmung sehr geschadet, dass sie oftmals als propagandistisches Instrument radikaler Antizionisten verstanden wurde.

Ich möchte das auf dem Titelblatt des Ausstellungskataloges auf einen historischen Ausgleich und auf Versöhnung zielende Wort des israelischen Historikers Ilan Pappe zitieren:

"…eine derart schmerzhafte Reise in die Vergangenheit ist der einzige Weg nach vorn, wenn wir eine bessere Zukunft für uns alle, Palästinenser wie Israelis, schaffen wollen."

Ich stimme Ilan Pappe hier zu. Diese "schmerzhafte Reise in die Vergangenheit" ist aber kein israelisch-palästinensischer Sonderfall.

In Deutschland und Europa haben wir ebenfalls bis heute mit zahlreichen dieser schmerzhaften Reisen zu tun. Und viele Wege müssen noch gegangen werden, um diese Reisen zu einem guten Ende zu bringen.

Aber gerade meine persönliche Perspektive, die von der friedensstiftenden Kraft der europäischen Idee geprägt ist, lässt mich auch für den Nahen Osten hoffen.

Wie in Europa, so ist auch im israelisch-palästinensischen Verhältnis heute die Bereitschaft größer als jemals zuvor, sich auch mit der Perspektive des Anderen vertraut zu machen.

Natürlich ist es kein Massenphänomen, dass Palästinenser sich in Yad Vashem oder im ersten arabischen Holocaust-Museum in Nazareth mit der Shoa auseinandersetzen. Aber es ist ein Anfang.

Natürlich ist der kritische Blick der "neuen Historiker" in Israel auf die eigene Geschichte, ein Blick, der nicht die Augen vor den Vertreibungen der arabischen Bevölkerung verschließt, sondern diese umfassend wissenschaftlich aufzuarbeiten versucht, in Israel nicht ohne Widerspruch geblieben. Aber er ist ein Anfang.

Ich bin froh und dankbar, dass es auf beiden Seiten starke Persönlichkeiten gibt, die diesen wichtigen Dialog über die historischen Gräben hinweg führen und die sich, trotz des teilweise heftigen Widerstandes, hier aus tiefer Überzeugung engagieren.

Und ich bin auch zuversichtlich, dass die Ausstellung in Osnabrück dazu beitragen wird, das enge Band der Stadt und ihrer Bewohner mit Israel und den Palästinensern zu festigen.

Dieses Band ist, durch die "Gemeinsame Erklärung: Die Friedensstadt Osnabrück, eine Brücke zum Frieden zwischen Israelis und Palästinensern durch lokales Handeln", vor einem Jahr verabschiedet, bereits erfreulich gestärkt worden.

Durch zahlreiche Osnabrücker Initiativen, vom Schüleraustausch, über die Wissenschaftskooperation, bis hin zur Zusammenarbeit israelischer, deutscher und palästinensischer Künstler, wird hier in Osnabrück eine breite gesellschaftliche Basis für einen konstruktiven Dialog geschaffen, der dem Frieden im Nahen Osten dient.

Gerade auch angesichts der Entwicklung in den arabischen Staaten, die hoffentlich zu Freiheit, Demokratie und einer stabilen Rechtsordnung führt, ist Frieden zwischen Israel und Palästina notwendig: Israel in sicheren Grenzen und Palästina in sicheren Grenzen – in guter Nachbarschaft.

Ich wünsche der Ausstellung, dass sie hier in Osnabrück nicht spaltet, sondern dass sie dazu beiträgt, unterschiedliche Standpunkte zusammen zu bringen und zu vermitteln. Dass sie den offenen Dialog über die gemeinsame Geschichte ermöglicht. Niemals dürfen wir den Holocaust vergessen. Aber es gilt auch: Niemals dürfen wir das historische Leid der Palästinenser vergessen.

Die gemeinsame Erinnerung hieran ist wichtig, um, in der Gegenwart, die für den Ausgleich zwischen Israelis und Palästinensern notwendige Bereitschaft zum Kompromiss zu fördern.

Und die gemeinsame Erinnerung ist wichtig, um den, für eine gedeihliche,

gemeinsame Zukunft, zwischen Israel und Palästina erforderlichen Kooperations- und Friedenswillen, dauerhaft und fest in der der israelischen und palästinensischen Bevölkerung zu verankern.

 

Dr. Hans-Gert Pöttering MdEP

Präsident des Europäischen Parlaments a.D.
Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung

Zurück   Seitenanfang