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Karussell

21. Dezember

or 21. Dezember 2017

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Diesmal wollte die Muse wohl ausnahmsweise mal kein Gedicht, sondern eine etwas längere Kurzgeschichte!




Der Wunschexpress

Diese Kurzgeschichte basiert auf einem Zitat aus der bekannten Serie "Grey’s Anatomy". Es lautet: „Das Karussell dreht sich immer weiter. Wir können nicht aussteigen.“ Der Sinn und die Bedeutung sind in dieser weihnachtlichen Geschichte allerdings ein komplett anderer als in der beliebten Arztserie. Doch ich mag das Zitat sehr. Eben weil man es in so viele verschiedene Kontexte denken kann.


„Da ist es!“, flüsterte der kleine Steve und blieb ehrfürchtig stehen. Er war wie hypnotisiert von den blendenden, schönen Lichtern, den bunten Farben, die alle darum buhlten als erstes gesehen zu werden, sodass man gar nicht wusste wo man hingucken sollte, und von dem eindringlichen Drehen der Plattform. Doch das Beste und Atemberaubendste waren wie immer die edlen Rösser, die rhythmisch zu der weihnachtlichen Musik auf und ab schwangen, so elegant als wären sie echt, mit temperamentvollem Ausdruck und wertvollem Schmuck behangen. Ein Jahr musste Steve nun wieder warten, doch endlich war der Weihnachtsmarkt wieder eröffnet und Steve war einer der Ersten gewesen, die das Gelände betraten. Er hatte es so eilig, dass seine Eltern kaum hinterherkamen, doch sie wussten sowieso wo sie ihn finden würden.

Noch immer im Bann des imposanten, antiken Karussells, erschrak Steve fast als Larry, der Karussellbetreiber, der mindestens genauso alt sein musste wie das Karussell, ihn ansprach: „Steve, mein treuster Kunde, wie jedes Jahr der Erste! Eigentlich muss ich es ja nicht mehr sagen, du weißt es ja schon, aber Tradition ist Tradition! Da du der Erste bist, darfst du die erste Fahrt ganz alleine fahren und zwar umsonst!“ Diese Aussage riss Steve endgültig aus seinem Bann und er strahlte von einem Ohr zum anderen. Er konnte es kaum erwarten. Zur Weihnachtszeit fuhr er zwar nach der Schule fast jeden Tag mit dem Karussell, doch der erste Tag war immer der beste. Nicht nur, weil das lange Warten die Vorfreude steigerte, nein, die erste Fahrt, die man alleine fuhr, war immer eine besondere. Denn das Karussell war magisch. Das glaubte Steve nur niemand. Es wusste aber auch niemand außer Steve, denn schließlich war er jedes Jahr der Erste am Karussell, also war diese besondere Fahrt immer ihm vorbehalten. Steve kannte aber auch die Tricks und Kniffs. Er hatte schon alle Pferde ausprobiert, doch in die Zauberwelt führte nur eins: Nikolaus. Der weiße Schimmel mit rotem Schmuck, der schon ziemlich abgenutzt aussah. Er war das einzige Pferd, das noch nicht restauriert werden musste, das einzige, das noch perfekt zum Takt der Musik schwang. Und das war das Geheimnis.

„So junger Mann, bist du bereit für deine Reise?“, sagte Larry mit einem Zwinkern. Steve war sich sicher, dass der alte Mann über die Kraft seines Karussells Bescheid wusste, aber er gab es nicht zu. Steve glaubte er verleugnete es, weil er selbst ein magisches Wesen war. Jetzt mal ehrlich, so alt konnte doch kein Mensch werden! Doch das war Steve in diesem Moment auch egal, er stürmte los, geradewegs auf Nikolaus zu, der ihn schon mit einem Funkeln in den Augen unauffällig zu begrüßen schien. „Und wie ich bereit bin!“, rief er und schwang sich mithilfe des goldenen Steigbügels in Nikolaus‘ samtroten Sattel. „Na dann mal los“, sagte Larry, „Larry wünscht Ihnen eine angenehme Fahrt mit dem Wunschexpress!“, und mit diesen Worten betätigte er den Hebel. Ein kurzes Knattern und Stottern, dann setzte sich das Karussell auch schon in Bewegung. Es dauerte nicht lange und das Ächzen wurde von dem Gesang und Musizieren der Engel, die vom Karussell herabhingen, übertönt. Nikolaus bewegte sich fast tänzerisch an der Stange, an der er befestigt war, auf und ab. Im perfekten Einklang mit dem vertrauten Takt schwebte Steve wie schwerelos. „Gleich ist es so weit“, dachte sich Steve, als die Geigen einsetzten und zur Steigerung der Musik herbeiführten. Das Karussell drehte sich schneller und schneller, doch Nikolaus traf mit seinen Sprüngen noch immer jeden Ton der Tonleiter. Und das war das Geheimnis des Geheimnisses. Die Steigerung der Musik, führte zur Steigung der Noten und wenn man diese traf, konnte man durch die Tonleiter zum Himmel aufsteigen. Ein Zusammenspiel an Perfektion. Deshalb musste man Nikolaus nehmen. Die anderen Pferde haben durch die Ersatzteile ihre Perfektion verloren und schafften es nicht mehr jeden Ton zu treffen. Doch wenn ein Ton verfehlt wird, wird die magische Kombination aus dem Gleichgewicht gebracht, die Leiter verstimmt und wird instabil, wodurch man den Himmel und damit die Zauberwelt nicht erreichen kann. Doch auf Nikolaus war wie immer Verlass und während die Welt außerhalb des Karussells in ihre vielen Spektren von Farben verschwamm, stiegen Nikolaus und Steve immer weiter hinauf. Und die Farben surrten, sie flitzten, sie tanzten Nikolaus und Steve hinterher, bereit ihre Aufgabe anzugehen, denn gleich kam der Höhepunkt. Das war der Moment, in dem Steve sich konzentrieren musste, denn an diesem Punkt las das Karussell dir deinen sehnlichsten Wunsch von der Seele. Steve war an dieser Stelle immer aufgeregt, denn er wusste nicht was ihn diesmal in der Zauberwelt erwarten würde, denn manchmal war ihm gar nicht so bewusst, was sein sehnlichster Wunsch war. Und dann war er auf einmal da: Der Höhepunkt. Steve krallte sich in Nikolaus Mähne fest und er spürte wie das Pferd sich kräftig mit seinen Hinterbeinen abstieß, um dem langgezogenen Ton zu folgen. Mit einem lauten Ton und dem zeitgleichen, lauten Aufkommen Nikolaus‘ donnernder Hufe explodierten die Farbpartikel wie ein riesiges Feuerwerk in alle Richtungen und setzten sich nacheinander zu einer neuen Welt zusammen. Noch konnte Steve nichts erkennen, doch er fragte sich jedes Mal wieder, woher jeder einzelne von den Millionen Farbpartikeln wusste, wo er hin musste.

Nach und nach wurde das Bild immer klarer und Steve erkannte etwas, das ihm nicht fremd war. Und er war enttäuscht. „Mein Schule?!“, rief Steve empört. „Da warte ich ein ganzes Jahr und was mich in der Zauberwelt, die alles möglich macht, erwartet ist die Schule?! Die sehe ich doch wirklich oft genug! Hier werde ich meinen sehnlichsten Wunsch garantiert nicht finden, das Karussell muss einen Fehler gemacht haben, es ist kaputt, kaputt!“

„Junger Mann, hüte dich mit voreiligen Entschlüssen! Gerade an Orten, an denen man oft ist, läuft man Gefahr blind zu werden.“

Steve erschrak, er hatte gar nicht gemerkt, dass er nicht alleine war. Er drehte sich in die Richtung, aus der die Stimme kam und erblickte einen Mann mit weißem Bart, rotem Mantel und roter Zipfelmütze. Zweifellos der Weihnachtsmann! „Da hat sich die Reise ja vielleicht doch gelohnt, dann kann ich dem Weihnachtsmann gleich meine Wünsche direkt mitteilen!“, dachte sich Steve und war bereit sich auf das ungewöhnliche Abenteuer einzulassen. „So Steve, da du dich ja so gut hier auskennst, zeig mir mal, wo eure Mensa ist.“  „Natürlich, mir nach“, reagierte Steve, war aber zugleich verwundert. Hatte der Weihnachtsmann etwa Hunger? Egal, er würde ihn hinführen wohin auch immer er wollte, er wollte schließlich einen guten Eindruck machen. Unterwegs sah Steve einen seiner Schulkameraden und grüßte ihn begeistert, doch dieser ignorierte ihn, als würde er gar nicht existieren. Der Weihnachtsmann bemerkte Steves Verwunderung und lachte. Steve schaute ihn fragend an. „Mein Kind, auch wenn du diese Welt kennst und Sie real scheint, so ist sie es nicht, sie ist immer noch eine Zauberwelt. Was du hier siehst sind Schatten der Vergangenheit. Sie können uns nicht wahrnehmen“, erklärte ihm der Weihnachtsmann. „Achso“, antwortete Steve „aber Weihnachtsmann, ich verstehe noch immer nicht, warum ich hier bin, ich kenne doch schon alles. Und mein sehnlichster Wunsch ist es garantiert nicht in der Schule zu sein.“   „Warts ab mein Junge, ich werde dir etwas zeigen, das du bestimmt noch nicht gesehen hast“. „Wenn du meinst“, antwortete Steve skeptisch. „Wie dem auch sei, wir sind jetzt da, das hier ist die Mensa. Jetzt bin ich ja mal gespannt was es hier zu sehen gibt.“ „Das kannst du auch sein!“, verkündete der Weihnachtsmann, „ich hab auch schon gefunden wonach ich gesucht habe, sieh dort!“, sagte er mit fixiertem Blick und zeigte entschlossen mit dem Finger an der Menge von tobenden, lauten und lachenden Kindern vorbei. Steve folgte dem Finger, bis er sah worauf er zeigte. Am Rande des Gewusels, saß einsam und alleine an einem verlassenen Tisch ganz hinten in der Ecke ein kleiner Junge, der still sein Pausenbrot aß. Steve packte wieder die Enttäuschung. „ Aber Weihnachtsmann, das ist doch nichts Neues! Den hab ich doch schon tausendmal gesehen. Das ist Billy, der sitzt da immer. Es gibt niemanden der das noch nicht gesehen hat. Und selbst wenn, was ist daran schon besonders?“ Der Weihnachtsmann schaute mit strengem Blick auf Steve herab: „Junger Mann, du urteilst zu voreilig. Du guckst hin wie jeder andere auch, aber sehen tut ihr alle nicht. Und ich glaube, das ist nicht die einzige Situation in der du zu voreilig urteilst. Da du ja so gut Bescheid weißt, kannst du mir ja wohl erklären, warum der kleine Billy da jeden Tag alleine sitzen und die fiesen Scherze seine Mitschüler ertragen muss. Wenn du wirklich sehen würdest, würdest du das nicht zulassen.“ „Aber Weihnachtsmann, du verstehst nicht. Billy ist anders, er ist total komisch. Er ist dieses Jahr neu hergezogen und da wo er herkommt stinken die Menschen und tragen einen Virus in sich, der sie komisch macht und wenn man ihm zu nahe kommt stinkt man auch!“ „Und woher willst du das wissen, kleiner Steve?“ „Na das sagen doch alle Weihnachtsmann..“ „Hast du denn jemals selber diese Erfahrungen mit Billy gemacht?“ „Nun ja,… eigentlich nicht,… ich habe noch nie mit ihm gesprochen...“ „Und dann wagst du es so über ihn zu urteilen?! Steve, Steve, ich zeige dir jetzt wie man sieht, komm mit.“ Und damit gingen Sie los, vorbei an dem Gemenge, das so viele Blicke auf sich zog, zu dem einsamen Tisch ganz hinten in der Ecke. „Und“, sagte der Weihnachtsmann, „riechst du was?“ „Nun ja, nein… und hey Weihnachtsmann sieh nur! Er hat eine Superman-Brotdose! Und aus seinem Ranzen! Da guckt ein Batman-Comic! Ich liebe Superman, Batman und all die anderen Helden, ich könnte den ganzen Tag darüber reden und mit den Actionfiguren spielen!“ „Siehst du kleiner Steve, du warst so geblendet davon was andere Kinder sagen, dass du selbst für deine größte Leidenschaft zu blind warst. Sieh nur was du verpasst hast! Wäre Billy nicht ein guter Freund für dich?“ „Naja Weihnachtsmann, das ist nicht so leicht, nachher ärgern die Kinder mich auch noch…“ „Wenn du weißt wie blöd es ist geärgert zu werden, warum lässt du dann zu, dass Billy das ertragen muss? Und zwar ganz alleine. Und ich sage dir jetzt mal was Steve. Hat es Superman je gekümmert, was andere über ihn gesagt haben? Nein, denn das musste ihn auch nicht. Er hat das gemacht wo er hinter gestanden hat und er hat Menschen glücklich gemacht und ihnen geholfen. Und das ist was zählt nicht was andere sagen und denken, sondern was du allein für richtig hälst. Denn weißt du was noch viel besser ist, als über Superman zu reden und Superman zu spielen?“

„Was kann es da denn noch besseres geben?“, fragte Steve verduzt.

„Superman zu sein.“, antwortete der Weihnachtsmann mit einem Zwinkern.

„St..v.., St..w…h a..f!“, sagte eine Stimme, die weit entfernt klang und die Steve grade nicht zuordnen konnte. Doch sie wurde immer lauter, präsenter und deutlicher und sein Umfeld begann zu verschwimmen und sich aufzulösen. Im Hintergrund konnte er aber noch verschwommene Worte vom Weihnachtsmann hören: „Steve denk daran, das Karussell dreht sich immer weiter, auch wenn du aussteigst, es dreht sich in deinem Kopf weiter. Denn wer wirklich was ändert, das bist du, das Karussell zeigt dir nur wie es sein könnte. Doch wie es sein wird, liegt bei dir.“ Und bei den letzten Worten brachen die Farben endgültig ineinander zusammen und plötzlich wurde alles schwarz. Steve geriet in Panik, wo war er, was sollte er jetzt machen? Doch er konnte die andere Stimme jetzt deutlich hören und auch zuordnen: Sie gehörte seiner Mutter! „Steve, komm schon wach auf! Mach die Augen auf!“ „Natürlich!“, dachte sich Steve, „einfach die Augen aufmachen, dann komme ich hier raus.“ Er öffnete die Augen und blinzelte gegen die blendende Sonne an. Die Umgebung bestand nur aus Umrissen, aus denen sich nach und nach die reale Welt herauskristallisierte. Er blickte in das Gesicht seiner Mutter, die schon halb dabei war ihn von Nikolaus herunterzuheben. Langsam kam er wieder in seiner Welt an, er sah die vertraute Umgebung des Weihnachtsmarktes. Es war seltsam als er wieder da war, aber sich nichts verändert hat, alles beim Alten blieb, aber er selbst sich so anders fühlte. Das musste Steve erstmal verarbeiten. „Du bist ja noch total verschlafen Steve, hat dich die Musik und das Geschaukel so müde gemacht? Guck mal Christian, wie ruhig Steve ist! So ein Karussell könnten wir zwischendurch auch mal für zu Hause gebrauchen!“ plapperte Steves Mutter. Doch Steve reagierte gar nicht, er guckte sich noch verwirrt in der Gegend um, bis sein Blick auf einmal an Larry hingen blieb. Hier ist doch nicht alles gleich geblieben. Larry sah verändert aus. Besser gesagt, Steves Sichtweise auf Larry hatte sich verändert. Grübelnd schaute er den alten Mann an, der ihn anzwinkerte und während seine Mutter ihn bei der Hand nahm und weiterzog, sodass sie sich immer weiter vom Karussell entfernten, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Larrys Gesicht sah genauso aus wie das des Weihnachtsmannes. Larry, der Steves erstaunten Ausdruck noch bemerkte, lachte laut und dann verdeckte auch schon die nächste Glühweinbude das Karussell und das einzige was Steve noch hörte war das hallende Lachen.

Steves sehnlichster Weihnachtswunsch war die neue Supermanfigur gewesen, doch nun ist er selbst zum Superman geworden. Billys persönlicher Superman. Und als er dann an Heilig Abend die neue Supermanfigur in den Händen hielt hatte er sein bestes Geschenk schon erhalten. Nicht nur, dass er jetzt selbst ein Superman war, durch das Karussell hat er das größte aller Geschenke erhalten. Die Freundschaft zu Billy, die er ohne die Zauberwelt nie aufgesucht hätte. Und so erfüllte das Wunschkarussell dieses Jahr zwei sehnlichste Wünsche: Superman für Steve und einen Freund für Billy.


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