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Nachlese | Ahmad Mansour: Kritisches Denken - das beste Mittel gegen Radikalisierung

bh 18. Februar 2015

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Der Psychologe Ahmad Manosur beschäftigte sich in seinem Vortrag an der VHS mit der Frage, wie eine Präventionsarbeit gegen Islamismus aussehen könnte. Mansour hat arabisch-israelische Wurzeln, lebt seit 2004 in Deutschland und arbeitet u. a. im Gleichstellungsprojekt "Heroes - gegen die Unterdrückung im Namen der Ehre".




Die beste Prävention gegen Islamismus: Jugendliche für kritisches, selbständiges Denken begeistern!

Die schlechte Nachricht vorweg: Es gibt sie nicht, die schnell, mühelos und effizient einsetzbare Wunderwaffe gegen Radikalisierungstendenzen im islamischen Kontext. Denn der Weg, den der Psychologe Ahmad Mansour bei seinem Vortrag an der VHS Osnabrück als Präventionsmaßnahme gegen Islamisierungstendenzen moslemischer Jugendlicher vorschlägt, ist aufwändig, mühsam und auf sehr lange Sicht angelegt. Die wichtigsten seiner Forderungen sind, das kritische, selbständige Denken der Jugendlichen zu befördern und - nichts Geringeres - als eine innerislamische Debatte über eine Neuausrichtung der eigenen Religion aufzunehmen.

Mansour merkt man an, dass er aus der Praxis kommt und selbst erlebt hat (und in seiner täglichen Arbeit nach wie vor erlebt), wovon er spricht. Von den Eltern moderat religiös erzogen, wuchs er in einem kleinen arabischen Dorf in Israel nahe Tel Aviv auf. Für das Kind spielte der Glaube kaum eine Rolle, doch der Jugendliche, der Ausgrenzung durch Gleichaltrige erfuhr und dem das dörflichen Umfeld zu wenig Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung bot, erlag den durch einen Imam angebotenen Verheißungen und rutschte so fast unmerkbar in die Radikalisierung ab. Den Absprung schaffte er aus eigener Kraft durch sein Studium in Tel Aviv.

Heute ist ihm diese Geschichte eher peinlich, aber er erzählt sie, weil sie der Schlüssel ist zum Verständnis, weshalb radikalislamische Ideen für Jugendliche und junge Erwachsenen so attraktiv zu sein scheinen.

Der Islam gehört zu Deutschland – diesen vielzitierten Satz von Christian Wulff unterstreicht Mansour, seine Folgerung geht dabei aber in eine etwas andere Richtung als die, die ursprünglich wohl damit gemeint war. Gerade weil der Islam zu Deutschland gehöre, solle sich auch die deutsche Gesellschaft mit ihm befassen und ihn kritisch hinterfragen, Mansours eigenes Urteil über die sehr oft anzutreffende Auslegung des Islam fällt dann nahezu verstörend (und beklemmend bekannt) aus:
Exklusivitäts- und Überlegenheitsanspruch einer einzigen Religion, keine Einbettung der Entstehungsgeschichte in historische und lokale Zusammenhänge, Abwertung von Andersdenkenden/Ungläubigen, Verharren in der Opferrolle und das Verbreiten von Verschwörungstheorien, Unterdrückung der Sexualität und eine dadurch bedingte Angst vor der Frau, die ihren Ausweg wiederum in deren Unterdrückung sucht, ein strafender Gott, Angst vor der Hölle und die Verheißung des Paradieses bilden den Nährboden für ein von Ängsten geprägtes Leben. Gesellen sich dazu fehlende Vaterfiguren im Familienumfeld, das Gefühl eigener Desorientiertheit, Unzulänglichkeit oder Ausgrenzung, entsteht der perfekte Nährboden für die Verlockungen radikaler Ideologien wie die des Islamismus oder Salafismus.

Unter solchen Voraussetzungen haben Radikale leichtes Spiel, vor allem, weil sie die Jugendlichen dort abholen, wo diese sich hauptsächlich aufhalten: mit Video- und Musik-Clips im Internet oder direkt auf der Straße. Sie füllen das Vakuum, das Elternhaus und Schule nicht füllen konnten.

Die Anziehungskraft radikalislamischen Gedankenguts erklärt Mansour mit einem klaren, einfachen Weltbild aus Gut und Böse, dem Gefühl der Macht, das einem die Gewissheit verleiht, auserwählt zu sein und über andere richten zu können, dem Eingebundensein in eine Gruppe Gleichgesinnter und die Entbindung von der schwierigen Aufgabe, die Verantwor­tung für den eigenen Lebensweg zu übernehmen und die richtige Richtung auf diesem Weg einzuschlagen. Außerdem ist es ein hervorragendes Instrument der Rebellion und Provokation – auch dies normale Entwicklungsstadien des Erwachsenwerdens junger Menschen.

Mansours Erfahrungen aus seiner Arbeit mit Familien gefährdeter Jugendlicher zeigen, dass der Übergang in die Radikalisierung oft unbemerkt und schleichend verläuft. Auf den ersten Blick scheint es für die Beteiligten sogar mehr positive als negative Auswirkungen zu haben: Durch klare Strukturen und Handlungsanweisungen kehrt bei vielen innere Ruhe ein, inner­familiäre Konfliktfelder werden kurzfristig entschärft. Am Rande von Mansours Schilderun­gen schimmert dennoch die Not und Verzweiflung der betroffenen Familien durch, die, je weiter die Radikalisierung fortschreitet, dies immer weniger verstehen und aushalten können und u. U. damit konfrontiert werden, dass Sohn oder Tochter in einen „heiligen Krieg“ aufbrechen, aus dem sie bestenfalls psychisch traumatisiert zurückkehren.

Aus dieser Analyse leitet Mansour seinen Lösungsweg mit zwei Hauptzielrichtungen ab:

Erstens muss die (deutsche) Gesellschaft weitaus mehr finanzielle Mittel aufbringen und Anstrengungen unternehmen, um Kindern und Jugendlichen aus gefährdeten Millieus Alternativen anbieten zu können. Für Mansour ist das vor allem die Vermittlung der Fähigkeit, eigenständig zu denken, die Welt zu hinterfragen und so Verantwortung für sich selbst übernehmen zu können. Denn seiner Einschätzung nach wären 80% der gefährdeten Jugendlichen noch von einem Weg in die Radikalisierung abzubringen, 80% derer, die sich auf diesen Weg gemacht haben, sind hierfür kaum mehr empfänglich.

Zweitens muss die Gemeinschaft aller Menschen moslemischen Glaubens sich öffnen für ein neues Verständnis vom Sinn und der Aufgabe ihrer Religion. Weg von einem strafenden, alles dominierenden Übervater hin zu einem privaten, mystischen Verständnis. Mit diesem zweiten Ansatz steht Mansour zwar nicht völlig alleine da, gerät aber ins Visier eben derer, deren Einfluss er zu bekämpfen sucht.

Eines machte der Vortrag sehr deutlich: Das Problem liegt deutlich tiefer und ist schwerer zu lösen, als wir das im Elfenbeinturm Europa in der Regel wahrhaben wollen. Denn es ist nicht auf Deutschland beschränkt und auch nicht in Deutschland zu lösen. Bei ca. 1.5 Milliarden Moslems in über 100 Ländern der Erde mit sehr unterschiedlichen sozio-kulturellen und ökonomischen Voraussetzungen erscheint Mansours 2. Ansatz beinahe illusorisch, aber auch das Christentum hat einen langen, zum Teil sehr dunklen, gewalttätigen und blutigen Weg hinter sich. Und machen wir uns auch das klar: die meisten Opfer des radikalen Islam finden sich nach wie vor unter Menschen moslemischen Glaubens und zumeist in weit entfernten Regionen der Welt. Das entbindet uns aber nicht von der Verantwortung, hier bei uns für Veränderungen einzutreten, Radikalisierungstendenzen entgegenzuwirken, uns für unsere Grundwerte von Freiheit, Gleichheit und Toleranz einzusetzen und den Dialog zu suchen.

 

(ha)


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