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Nachlese: Beate Niemann über ihren Vater, einen NS-Massenmörder

3. November 2014

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Was geht in einem Menschen vor, der erfährt, dass der eigene Vater für NS-Gräuel verantwortlich war und das Haus, in dem man als Kind gelebt hatte, von in KZs verschleppten Juden stammte? Beate Niemann berichtete in ihrem eindringlichen Vortrag über ihr Leben mit einer derart belasteten Vergangenheit.




Der "gute Vater" als Massenmörder

Beate Niemann forscht über ihre Familie und stößt auf NS-Verbrechen

"Die Last des unschuldigen Vaters war unerträglich", sagt Beate Niemann. Die Berlinerin erfährt, dass er in der DDR im Zuchthaus sitzt, von Familie und Freunden weiß sie, dass ihm zu Unrecht NS-Verbrechen vorgeworfen werden. Doch nach der Wende forscht sie nach und erfährt, dass Bruno Sattler zu den Massenmördern des Verbrecherregimes gehört. Davon berichtete sie nun in einem Vortrag an der Volkshochschule Osnabrück.

Ihre Recherchen hat die heute 69-Jährige in einem Buch zusammengefasst. Titel: "Mein guter Vater. Mein Leben mit seiner Vergangenheit." In ihrem Vortrag beleuchtet sie insbesondere zwei Aspekte von dessen Vita: Da sind zum einen die Verbrechen als SS-Sturmbannführer. Zum anderen erforscht sie die Hintergründe, wie ihre Familie zu einem Haus in Berlin kam. Bei ihren Recherchen stößt sie darauf, dass Bruno Sattler als Teil eines Vorauskommandos in besetzten Ländern politische Gegner jagte. Später ist er in Jugoslawien tätig, wo in seinem Zuständigkeitsbereich 8.500 Frauen und Kinder in Gaswagen ermordet werden. Als dies geschieht, ist die Ehefrau gerade mit ihrem dritten Kind schwanger, mit Beate. "Das ist so monströs", ist die Tochter noch heute fassungslos.

Darüber hinaus stellt sie fest, dass ihre Eltern das Haus in Berlin von einer jüdischen Familie erwerben, und die Mutter nach dem Krieg alles daran setzt, dass der Kauf rechtmäßig aussieht. Vor einer Kommission berichtet sie sogar, dass es mit den Verkäufern anschließend noch freundschaftliche Korrespondenz gegeben habe – und wusste dabei offenbar, dass die Juden in Vernichtungslager abtransportiert wurden. In ihrem Vortrag berichtet Beate Niemann nun auch davon, wie sie mit den Nachkommen Kontakt aufnimmt und von diesen freundschaftliche Gesten erfährt.

Diese Erkenntnisse gewinnt sie erst ab Ende der neunziger Jahre. Bis dahin lebt sie in dem Glauben, dass ihr 1972 verstorbener Vater zu Unrecht von der DDR verurteilt wurde. Gestützt wird diese Annahme von Bekannten: "Kollegen kamen zu uns und sagten, "Euer armer Vater leidet für uns alle und hat nie etwas getan. Das machte es mir leicht zu glauben, dass er unschuldig war", sagt die Referentin. Als es darum geht, dass ihre Mutter staatliche Versorgungsbezüge erhält, gibt es Hilfe von eben diesen Bekannten, die Bruno Sattler als unschuldiges Opfer darstellen. Mit diesem Wissen wendet sich Beate Niemann nach der Wende an ein Gericht in Mecklenburg-Vorpommern: Sie beantragt, dass ihr Vater rehabilitiert wird.

So kommt der Stein ins Rollen, der zu Buch und preisgekrönten Fernsehdokumentationen führt. Ein Ende der Nachforschungen scheint für die 69-Jährige noch nicht absehbar: Immer wenn sie gedacht habe, dass es das war, sei sie auf neue Spuren gestoßen, erzählt sie.

 

(Henning-Detert)


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