„Schreiben macht stolz und freundlich“
Welche drei Wörter verbinden Sie mit Osnabrück? „Regen, Hyde Park und offene Menschen“, sagt Beate Dölling lachend. „Osnabrück war früher ein echtes Regenloch.“
Wenn Sie ein Buch über Osnabrück schreiben würden – welches Genre wäre das? Mich interessieren soziale Räume, nicht im negativen Sinn. Das Leben pur. Ich bin am Sonnenhügel aufgewachsen, in einer Zeit, in der es noch klare soziale Unterschiede in Vierteln mit englischer Besatzung gab. Direkt nebeneinander lebten Menschen in Einfamilienhäusern und Reihenhäusern mit sozial nicht begünstigten Familien. Diese Konstellationen fand ich schon früh spannend. Darüber würde ich gern schreiben, recherchieren, Menschen interviewen. Zur Subkultur mit der Musik- und Clubszene in Osnabrück habe ich ebenfalls sehr viele Ideen.
„Mich interessiert das Leben pur – dort, wo unterschiedliche Welten direkt aufeinandertreffen.“
Welche Abenteuer erleben Kinder in Osnabrück? Mein Buch Sechste Stunde Doktor Schnarch ist direkt hier entstanden. Es basiert auf echten Zetteln, die meine Schulfreundin und ich uns im Unterricht geschrieben haben – in großen Heften, damit wir nicht auffallen. Diese „Korrespondenz während des Unterrichts“ habe ich aufgehoben und später literarisch verarbeitet. Zwei Mädchen, viel Humor, klare Träume: Die eine will Biologin werden, die andere Modedesignerin. Es gibt Ranglisten, Schwärmereien, aber kein Mobbing. Humor ohne Verletzung war mir sehr wichtig.
Was hat Sie zum Schreiben gebracht? Nicht das Elternhaus. Ich bin eher kulturlos aufgewachsen, Bücher spielten keine große Rolle. Aber ich habe schon immer beobachtet, fantasiert, geträumt. Meine Fantasie wurde oft als Übertreibung oder Lüge gesehen, also habe ich angefangen, alles aufzuschreiben. Seit meinem elften Lebensjahr führe ich Tagebuch. Es sind über 50 Stück, aus denen ich schöpfen kann. Das ist ein riesiger Schatz. Schreiben ist wie eine Momentaufnahme: Ohne diese Texte wären viele Erinnerungen verloren oder im Nachhinein geschönt.
Wie begeistern Sie Menschen fürs Schreiben? Mit kleinen Schritten. Niemand muss gleich einen Roman schreiben. Kleine Schreibspiele reichen. Ein Wort, ein Gegenstand,
eine Farbe – und dann über die Sinne gehen. Schreiben funktioniert für Kinder wie für Erwachsene. Es ist spielerisch und ohne Druck. Man hat so viele Ideen und Themen im Kopf, wie ein Bonbonglas, vollgefüllt. Dann sucht man sich einen Bonbon raus und beginnt die Geschichte mit einem Detail. So kann der Start gelingen.
„Mit dem Stift zu denken, funktioniert anders – langsamer, aber oft tiefer.“
Stift oder Tastatur? Beides ist erlaubt. Studien zeigen, dass das Gehirn beim Schreiben mit der Hand anders arbeitet. Gerade am Anfang hilft der Stift, weil man kritzeln, springen, durchstreichen kann. Kinder schreiben bei mir grundsätzlich mit Stift, Jugendliche oft lieber digital. Wichtig ist, sich darauf einzulassen.
Wie lange arbeiten Sie an einem Buch? Sehr unterschiedlich. Manche Bücher brauchen Jahre, andere entstehen unter hohem Zeitdruck. Die meiste Arbeit steckt immer im Überarbeiten. Kinder- und Jugendbücher sind keineswegs einfacher. Erich Kästner hatte recht: Für Kinder zu schreiben ist genauso anspruchsvoll, eher noch schwieriger. Ich nehme meine jungen Leserinnen und Leser sehr ernst.
Woher nehmen Sie Ausdauer und Inspiration? Ich schreibe eigentlich immer und mit Freude – auch im Kopf. Schreiben ist mein Motor. Aber ich brauche Bewegung als Ausgleich: Schwimmen hilft. Und meine Figuren lassen mich sowieso nicht in Ruhe.
Warum ein Schreibworkshop? Weil Schreiben stolz und freundlich macht. Und weil wir alle Geschichten in uns tragen. Egal ob im Alter von 16 oder 99 Jahren. Alt und Jung zusammen, ohne Angst, ohne Druck. Schreiben ist eine Chance – und es macht Freude.
Hier geht es zum Schreibworkshop mit Beate Dölling:
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Schreibworkshop für Anfänger:innen und Fortgeschrittene
Freitag/Samstag, 12./13.06.2026