Solidarische Landwirtschaft – gelebte Utopie im Osnabrücker Land und in der Welt
Sascha Müller arbeitet seit acht Jahren als Gärtner in verschiedenen Betrieben in Norddeutschland, zuletzt in der kleinen Solawi Schürhof in Neuenkirchen-Vörden. Im Netzwerk Solidarische Landwirtschaft war er vor allem beim Aufbau der selbstorganisierten Gemüsebau-Ausbildung aktiv. Außerdem ist er Mitglied im noch jungen Verein Ernährungsrat Osnabrück.
„Bei einer Solawi findet kein direkter Tausch von Geld gegen Ware statt – der gesamte Betrieb wird gemeinschaftlich getragen.“
Was ist eine Solawi? Solawi ist die Abkürzung für Solidarische Landwirtschaft. Meist handelt es sich um Gemüsebaubetriebe, es gibt aber auch Solawis, die Obst, Getreide, Fleisch, Milchprodukte oder Brot erzeugen. Das Besondere: Ein Betrieb wird jeweils für ein Jahr von einer Gemeinschaft finanziert. Das schafft Planungssicherheit. Im Gegenzug erhalten die Mitglieder die gesamten erzeugten Produkte, in der Regel wöchentlich.
Ist dieses System mit einer Abo-Kiste vergleichbar? Nein. Eine Abo-Kiste ist vor allem ein Vermarktungsweg. Häufig stehen Händler dahinter oder Betriebe, die eigenes Gemüse mit zugekauften Produkten kombinieren und weiterverkaufen. Die Logik bleibt marktwirtschaftlich: Ich kaufe eine Kiste und zahle einen Preis, bei Bedarf bestelle ich sie ab. Bei einer Solawi gibt es keinen direkten Tausch von Geld gegen Ware. Stattdessen finanziert eine Gruppe den gesamten Betrieb. Wir verlassen damit klassische Marktlogiken. Es handelt sich um gemeinschaftsgetragenes Wirtschaften.
Was unterscheidet Solawis von der konventionellen Landwirtschaft? Sind alle Solawis Biobetriebe? Entscheidend ist weniger die Anbauweise als die Art des Wirtschaftens. „Konventionell“ und „bio“ beschreiben vor allem Produktionsmethoden. In einer Solawi kann die Gemeinschaft über die Anbauweise mitentscheiden. Theoretisch wäre auch konventioneller Anbau möglich, also mit mineralisch-synthetischen Düngern und Pestiziden. Praktisch wünschen sich das die Mitglieder fast nie. Durch die enge Verbindung zwischen Produzierenden, Mitgliedern und Flächen entsteht meist der Anspruch, so nachhaltig wie möglich zu wirtschaften. Viele Solawis gehen daher deutlich über Bio-Standards hinaus.
„Solawis sind nicht die eine Lösung für alles, aber ein gutes Experimentierfeld für etwas wirklich Neues.“
Wie können Solawis zu einem fairen und klimagerechten Ernährungssystem beitragen? Unser Ernährungssystem verursacht rund ein Drittel der globalen Treibhausgasemissionen. Wasserknappheit, Biodiversitätsverlust, Insektensterben und sinkende Bodenqualität hängen eng damit zusammen, Ursache dieser mit dem Ernährungssystem zusammenhängenden Probleme ist unsere kapitalistische Wirtschaftsweise. Dazu braucht es eine Alternative und genau das versuchen Solawis im Kleinen. Gemeinschaftsgetragenes Wirtschaften besitzt ein großes transformatives Potenzial. Solawis sind nicht die alleinige Lösung, aber ein wichtiges Experimentierfeld für neue Wege.
An wen richten sich Solawis? Wer wird nicht mitbedacht? Solawis sprechen Menschen an, die wissen möchten, wo ihre Lebensmittel herkommen, wie sie produziert werden und wer dahintersteht. Menschen, die gerne frisch kochen und Alternativen zur bestehenden Wirtschaft mitgestalten wollen. Die Finanzierung erfolgt solidarisch: Wer mehr hat, gibt mehr, wer weniger hat, gibt weniger. Dennoch gibt es Hürden. Die Verbindlichkeit einer Mitgliedschaft und der Zeitaufwand für die Verarbeitung frischer Lebensmittel sind für manche schwer mit ihrem Alltag vereinbar.
Für wen eignet sich dein Vortrag an der vhs|os besonders? Für alle, die den Begriff Solawi schon einmal gehört haben und mehr erfahren möchten. Ich stelle das Konzept vor und präsentiere Beispiele aus dem Osnabrücker Umland. Da Solawi auch für eine andere Form des Wirtschaftens steht, dürfte der Abend ebenso Menschen interessieren, die nach Ideen suchen, wie sich unsere Welt anders gestalten lässt.
Hast du selbst schon einmal einen vhs-Kurs belegt? Ja, seit zwei Jahren besuche ich den New-Dance-Kurs von Regina Biermann und finde ihn großartig.
Hier geht es zum Vortrag mit Sascha Müller:
Solidarische Landwirtschaft – gelebte Utopie im Osnabrücker Land und in der Welt | Dienstag, 05.05.2026